Allgemeine Kritik eines Lehrers

  • Liebes Adventskalender-Team,


    meine Schule hat dieses Jahr das erste Mal mit zwei Gruppen am Adventskalender teilgenommen: mit einer 12. Klasse und einer 10. Klasse des Hochbegabtenzuges. Die 10. Klasse hat in den letzten Jahren bereits bei der Version für die Jüngeren ("Mathe im Advent") teilgenommen und war insofern auch sehr motiviert. Allerdings hat die Motivation, sich mit Mathematik zu beschäftigen, durch den Adventskalender deutlich abgenommen. Manche wurden richtiggehend abgeschreckt, was mich als Pädagogen natürlich frustriert. Daher habe ich folgende Änderungswünsche.


    1.) Wenn selbst eine Gruppe studierter Mathematik-Lehrer*innen Schwierigkeiten mit den Aufgaben hat, dann ist das Niveau für die meisten Schüler*innen definitiv zu hoch. Das sollte in der Beschreibung des Wettbewerbs deutlich werden. Ansonsten denken die Schüler*innen, dass es eine Fortsetzung von "Mathe im Advent" ist.


    2.) Da es jeden Tag ein neues Rätsel gibt, werden sich die wenigsten Teilnehmer*innen mehrere Tage nach der Aufgabenstellung noch mit einer Aufgabe beschäftigen. Lose gibt es dann ja auch keine mehr. Es wäre sinnvoll, wenn man sich DANN die Lösung anschauen könnte. Ich vermute, dass es nicht nur unseren Schüler*innen so geht, dass sie viele Wochen, nachem sie sich mit einer Aufgabe beschäftigt haben, sich auch nicht mehr für die Lösung interessieren. Und dann ist die Motivation und der Lerneffekt weg.


    3.) Teilweise bestehen die Rätsel aus mehreren kombinierten Rätseln, wenn etliche Aussagen auf ihre Richtigkeit untersucht werden müssen. Dabei hatte ich den Eindruck, dass die Rätsel künstlich in die Länge gezogen wurden, damit man auf die 10 vorgegeben Antwortmöglichkeiten kommt. Das ist zeitraubend und macht keinen Spaß.

    4 Antwortmöglichkeiten würden auch genügen!


    4.) Für Lehrer*innen wäre es hilfreich, wenn Sie die Ergebnisse ihrer Schüler*innen sehen könnten, wie das bei "Mathe im Advent" auch der Fall ist.


    Ich bedanke mich trotz allem für Ihr Engagement und würde mich freuen, wenn der eine oder andere Punkt umgesetzt werden könnte.

  • Lose gibt es dann ja auch keine mehr.

    Das ist so nicht korrekt, für eine richtige Antwort, die bis Silvester abgegeben wurde, gibt es immernoch ein Los, auch wenn die Aufgabe schon vier Wochen vorher gestellt wurde. Ob das sinnvoll ist, oder ob es für die Zielgruppe Schüler nicht besser wäre, zeitnah die Lösung zu veröffentlichen, da kann man sicherlich geteilter Meinung sein, aber der Kalender ist so konzipiert, dass es zwar mehr Lose gibt, wenn man die Antworten früher abgibt, aber dass theoretisch auch jemand, der erst nach Weihnachten einsteigt, noch für alle Aufgaben Lose erhalten kann.

  • Ich bin ebenfalls Lehrer, habe aber eine andere Sicht auf die Dinge wie mein "Vorredner".


    Es kommt aber natürlich ganz auf die Erwartungshaltung an. Wenn man davor nur "Mathe im Advent" kannte und meint, der Oberstufen Mathe-Kalender sei eine Fortführung, kann ich einige Punkte auch nachvollziehen, wenn auch nicht alle.


    Allerdings ist die Genese ja andersherum. DFG und Matheon haben den digitalen Adventskalender 2004 entwickelt - für sehr ambitionierte Schüler - aber auch viele Studenten, Lehrer etc. spielen mit (als ich 2009 einstieg waren es sogar um die 13 000 Spieler und die Aufgaben insgesamt deutlich schwieriger als etwa 2020). Die Aufgaben haben eher Mathe-Olympiade-Niveau und richten sich eben nicht an die breite Masse. und in meinen Augen ist das auch sehr gut so!


    Die Idee war ja gerade, die aktuellen Prokjekte des Matheon: angewandte Mathematik (abstrakte Mathe versus konkrete Projekte: kürzeste Wege, Schienennetze, Optimierungsprobleme etc. - einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und nicht zuletzt Schüler ev. sogar zu einem Mathe-Studium zu bewegen - bleibt doch die Mathematik bzgl. ihrer konkreten Anwendungen/ Nutzen im Alltag vielen Schülern verborgen. 2010 wurde dann die 4TU.Ami - Zusammenschluss von vier Instituten für angewandte Mathematik aus Holland (ursprünglich 3 Institute) mit ins Boot geholt - dort verfassen Mathematiker Aufgaben, die sonst u.a. auch für Mathe-Olympiaden Aufgaben erstellen. Das wunderbare an diesen Aufgaben ist, dass man oftmals ohne große Mathe-Vorkenntnisse, rein durch logisches Denken, auf die Lösung kommen kann. Solche Aufgaben kennen natürlich einige Schüler erst mal nicht, ist eben auch nicht die typische Schulmathematik - zum Glück! Hier blitzt aber immer wieder die Schönheit der Mathematik auf.


    In meiner Mittelstufen Mathe-AG behandele ich besondere Perlen zurückliegender Kalender-Jahre, insofern wussten jetzt die Schüler meiner 11. Klasse, die dieses Jahr teilnahmen, ganz genau, auf was sie sich einlassen... und hatten bis zum Ende großen Spaß an den Aufgaben, wenngleich das natürlich ein Zeitfresser ist.



    2008 entwickelten sich dann aus dem großen Kalender die kleinen Kalender 4-6 und 7-9, aber für ein GANZ anderes Zielpublikum: breite Schülermasse! Für die Unter- und Mittelstufe ist das Format "Mathe im Advent" prima, auch an unserem Gymnasium in Südbaden bei Freiburg machen sehr viele Klassen mit. Diese Kalender sprechen auch viele Kinder an, die sonst mit Mathe auf Kriegsfuß stehen und so erhalten diese einen ganz neuen Blick auf die Mathematik - Mathe kann ja auch Spaß machen...


    Aber in der Oberstufe ist die Intention eine ganz andere! Wer Mathe nicht mag, wird sich als 16-19 Jähriger nicht freiwillig im Dezember jeden Tag an solche Aufgaben setzen. Da ist der Zug abgefahren! Hier darf ruhig ein deutlicher Niveausprung passieren. Ich habe seit vielen Jahren immer wieder Schüler motivieren können mitzumachen.

    Ja - einige gaben nach ein paar Tagen auf (besonders 10er bzw manchmal auch 11er, um ein Jahr später einen neuen Anlauf zu nehmen), einige spielten aber auch immer bis zum Ende durch - einige unter Ihnen studieren inzwischen Mathe und machen immer noch jährlich an dem großen Kalender mit - sprich durch diese Aufgaben haben sie erst so richtig Lust auf Mathe bekommen, da der Kalender doch niederschwellig Einblicke in Gebiete der Mathe bietet, die im null acht fünfzehn Schulunterricht nicht vorkommen (Markov-Ketten, Spieltheorie, Graphentheorie...) Ich finde die Aufgaben in der Regel auch überhaupt nicht künstlich aufgeblasen! Auch prima, dass es 10 Antwortmöglichkeiten gibt, die Chance durch reines Raten Richtige zu bekommen, sinkt so.


    Zudem muss ich sagen, dass das Anspruchsniveau vor einigen Jahren deutlich höher war!! Dieses Jahr waren definitiv die meisten Aufgaben sehr gut lösbar, auch für einen ambitionierten 10-Klässler (man darf auch nicht erwarten, dass man die Aufgaben in wenigen Minuten lösen kann und nicht jeder Schüler wird alle Aufgaben lösen können! Das wäre doch ziemlich langweilig). Angezogen hat der Kalender dieses Jahr am 4. Advents-Wochenende, da gab es dann mal 3 härtere Nüsse hintereinander: 19.-21. Dez. Zudem war noch eine Samstagsaufgabe schwieriger: 12.12 Frosch und Kröte - aber dennoch prinzipiell für Schüler lösbar - aber eben dann ev. nicht am selben Tag. Und genau deswegen bleibt ja auch noch Zeit bis Silvester (und das soll bitte so bleiben!), um an der einen oder anderen härteren Nuss noch zu knobeln. Dass es keine Punkte mehr gibt, stimmt auch nicht: Gibt ja bis zum 31.12 noch einen Punkt pro Aufgabe. Man hat auch nicht immer Zeit im Dezember, - so ist es prima. bis Ende Dez. noch knobeln zu dürfen.


    Mein Fazit: Bitte so lassen, bitte das Aufgabenniveau nicht senken, es dürfen gerne einige harte Nüssen dabei sein: wohl dosiert, gerne am Wochenende... ich staune immer wieder, auf welch geniale Aufgabenideen die Autoren kommen.

  • 3.) Teilweise bestehen die Rätsel aus mehreren kombinierten Rätseln, wenn etliche Aussagen auf ihre Richtigkeit untersucht werden müssen. Dabei hatte ich den Eindruck, dass die Rätsel künstlich in die Länge gezogen wurden, damit man auf die 10 vorgegeben Antwortmöglichkeiten kommt. Das ist zeitraubend und macht keinen Spaß.

    4 Antwortmöglichkeiten würden auch genügen!

    Um Motivation, Lerneffekt und Spaß für die Schüler*innen zu maximieren, sollte man statt 4 Antwortmöglichkeiten vielleicht sogar nur 2 Antwortmöglichkeiten verwenden. Noch besser wäre es natürlich, nur eine einzige Antwortmöglichkeit anzubieten, weil dann die schwachen und unbegabten Schüler*innen genau die gleichen Chancen hätten wie die klugen und begabten Schüler*innen.

  • Liebes Adventskalender-Team,


    meine Schule hat dieses Jahr das erste Mal mit zwei Gruppen am Adventskalender teilgenommen: mit einer 12. Klasse und einer 10. Klasse des Hochbegabtenzuges. Die 10. Klasse hat in den letzten Jahren bereits bei der Version für die Jüngeren ("Mathe im Advent") teilgenommen und war insofern auch sehr motiviert. Allerdings hat die Motivation, sich mit Mathematik zu beschäftigen, durch den Adventskalender deutlich abgenommen. Manche wurden richtiggehend abgeschreckt, was mich als Pädagogen natürlich frustriert. Daher habe ich folgende Änderungswünsche.


    1.) Wenn selbst eine Gruppe studierter Mathematik-Lehrer*innen Schwierigkeiten mit den Aufgaben hat, dann ist das Niveau für die meisten Schüler*innen definitiv zu hoch. Das sollte in der Beschreibung des Wettbewerbs deutlich werden. Ansonsten denken die Schüler*innen, dass es eine Fortsetzung von "Mathe im Advent" ist.


    Ich bin kein Lehrer, möchte dazu aber auch mal etwas sagen: Was soll denn das Ziel eines Wettbewerbs sein? Dass 90% der Teilnehmer die volle Punktzahl mit Leichtigkeit aus dem Ärmel schütteln und jeder sich freut, dass er sooooo toll abgeschnitten hat? Ein Wettbewerb soll dazu dienen, wirklich Teilnehmer an Grenzen zu bringen ( aber keineswegs unmöglich lösbar). Man kann das natürlich als frustrierend ansehen, da viele auch mal scheitern werden, ABER: eigentlich sollte man es als das genaue Gegenteil sehen - herausfordernd, man kann den eigenen Horizont erweitern und wie pierrot sagte: über den schmalen Tellerrand der reinen Schulmathematik auch mal hinausschauen. Genau das macht hier für mich auch den großen Reiz aus und ich gehör selbst NICHT zu denen, die alles mit Leichtigkeit richtig lösen, sondern finds schön, wenn im Januar mir dann von anderen die Lösung vor Augen geführt wird und ich noch etwas dazulernen kann.


    Wenn wir ehrlich sind: im Internet gibt es generell viel zu viele sogenannte Tests, die einem inflationär oft suggerieren wollen, man sei ein Alleskönner und jeder von uns gehöre überall zum geringen Teil der Menschheit, die sich in allen Bereichen weit rechts überm Durchschnitt der Gaußschen Glockenkurve bewege. Wahnsinnig beliebt natürlich, wenn jeder meint, er müsste ständig damit überall im Social Media flexen, wie überdurchschnittlich und toll derjenige doch in sämtlichen Bereichen ist. Die Realität ist definitiv eine andere, die jeder im Grunde kennt, aber viele nicht wahr haben wollen!


    Zu dem Wettbewerb hier an sich: Es ist doch nicht so, dass man hier als Neuling komplett ins offene Messer laufen muss! Jeder Interessierte kann zu jeder Zeit auf ein Aufgabenarchiv und deren Lösungswege von mittlerweile 16 Jahren!!! zurückgreifen und sich somit genau drauf einstellen, welche Art und welches Niveau an Aufgaben auf einen zukommt. Es wird nicht jährlich bei den Aufgaben komplett das Rad neu erfunden

  • Um Motivation, Lerneffekt und Spaß für die Schüler*innen zu maximieren, sollte man statt 4 Antwortmöglichkeiten vielleicht sogar nur 2 Antwortmöglichkeiten verwenden. Noch besser wäre es natürlich, nur eine einzige Antwortmöglichkeit anzubieten, weil dann die schwachen und unbegabten Schüler*innen genau die gleichen Chancen hätten wie die klugen und begabten Schüler*innen.

    Dem würde ich zustimmen. Eine Antwortmöglichkeit ist völlig ausreichend und überfordert keine Schüler*innen. Fairniss und Chancengleichheit sind ja die wichtigsten Dinge bei einem Wettbewerb.

  • Genau ja!

  • Die Kritik hinsichtlich der 10. Klasse kann ich teilweise nachvollziehen. Auch ich wundere mich teilweise, wie die ein oder andere Aufgabe ohne Analysis-Kenntnisse lösbar sein soll. Ariane versichert aber jedesmal, das sei problemlos möglich. Die Musterlösung geht dann allerdings manchmal in Richtung brute force. Wenn man mehrere der zehn Möglichkeiten einsetzt, findet man ggf. auch, welche richtig ist. Auch das ist lehrreich, Fallunterscheidung ist nicht verboten und kann sehr hilfreich sein, wenn es nur wenige Fälle gibt.

    Und nun einige große ABERs:
    Frustrationstoleranz ist definitiv für ein Mathe- (in den ersten Semestern auch Physik-)Studium erforderlich. Insofern ist der Kalender genial und ein Top-Indikator. Wen der zu sehr frustriert, der sollte sich ein solches Studium definitiv nicht antun. Was mir besonders gefällt, die Aufgaben sind immer auch irgendwie sehr einfach zu lösen (die noch ausstehenden Musterlösungen werden es sicher auch in den Fällen zeigen, mit denen man selbst heftig gekämpft hat), aber sie sind oft derart, dass man zuerst keine Idee hat, wie man sie angehen soll.


    Davor ist glücklicherweise auch keine "Gruppe studierter Mathematik-Lehrer*innen" gefeit, eben weil meist kaum Voraussetzungen erforderlich sind, um die Aufgabenstellung zu erfassen und sich Gedanken dazu zu machen. Wenn man es dann mehrmals im gleichen Kalender nicht hinbekommt, gleichtägig die richtige Lösung einzuloggen, verstehe ich gut, dass man sich "geerdet" vorkommt. Allerdings bewerte ich persönlich sehr positiv, dass die letzte Abgabemöglichkeit nicht gleichtägig 23:59 ist. Die Motivation, sich ggf. auch mehrmals mit etwas zu beschäftigen soll sich schließlich auch irgendwie auszahlen. Eine anderer Thread im Forum beschäftigt sich damit, die Musterlösungen nicht einmal direkt nach dem Abgabeschluss zu veröffentlichen, um die Lösungsdiskussion nicht abzuwürgen. Das erscheint mir viel sinnvoller, als die Lösung direkt am nächsten Tag rauszuhauen. Allerdings würde ich jetzt nach drei Wochen wirklich gern die Musterlösungen sehen, viel länger sollte uns das Team echt nicht auf die Folter spannen.